Mit
einer Sonderausstellung über den Antisemitismus in Erziehung und Schule
von 1871 bis 1918, also in der deutschen Kaiserzeit (in die Geschichte
auch als Zweites Reich eingegangen), stimmt das Lohrer Schulmuseum
seine Besucher auf mehrere Sonderausstellungen im Jahr 2013 zum Thema
„Drittes Reich“ ein.
Vieles, was man als ein Ergebnis der Ideologie
der Nationalsozialisten vermutet, hat seine
gesellschaftlich-politischen Wurzeln in der Kaiserzeit, die Nazis
brauchten sich nur zu bedienen.
In einer zweiten Sonderausstellung
mit dem Thema „Antisemitismus in Erziehung und Schule 1933 bis 1945“
werden entsprechende Zusammenhänge verdeutlicht.

Ausschnitt aus einem antisemitischen Bilderbogen im „Kikeriki“, Wien 1910 - Szene in einem (jüdischen) Klassenzimmer
Die 1861 gegründete Wiener Satire-Zeitschrift "Kikeriki" war ursprünglich liberal ausgerichtet, wurde gegen Ende des
19. Jahrhunderts aber zunehmend antisemitisch und brachte häufig sehr diskriminierende antisemitische Darstellungen.
1933 wurde die Zeitschrift wegen der Parteinahme für die deutschen Nationalsozialisten von der österreichischen
Dollfuß-Regierung verboten.
1871
fand per Gesetz die rechtliche Gleichstellung, die sog. jüdische
Emanzipation ihren Abschluss – Ergebnis der Einsicht, dass es für eine
moderne Wirtschaftspolitik schädlich war, einer leistungsfähigen
Bevölkerungsgruppe den freien Zugang zu allen Berufszweigen zu
verweigern.
Als Gegenreaktion entstand damals der moderne
Antisemitismus, weniger religiös begründet als der Antijudaismus der
vorausgegangenen Jahrhunderte, sondern vor allem mit
gesellschaftlich-wirtschaftlichen Argumenten und Vorurteilen unterlegt.
Dieser Antisemitismus beeinflusste auch das Erziehungs- und Schulwesen.
Beim
Lesen der Lehrerzeitungen aus dieser Zeit stößt man immer wieder auf
entsprechende Vorgänge, die verdeckte oder offene antisemitische
Angriffe manifestieren.
 Aus: „Illustrationen zu deutschen Klassikern/Humoristische Bilder“, um 1870 - darstellend einen jüdischen Vater mit seinen Söhnen und deren angebliche Vorliebe für Aktiengeschäfte
|  Aus Wilhelm Busch, Bildergeschichte „Plisch und Plum“, fünftes Kapitel, 1882:
|
Der erste Vierzeiler:
„Kurz die Hose,lang der Rock,
Krumm die Nase und der Stock,
Augen schwarz und Seele grau,
Hut nach hinten, Miene schlau“ -
und der folgende Zweizeiler nach der Karikatur:
„So ist Schmulchen Schievelbeiner.
(Schöner ist doch unsereiner!)“
Ob
sich daraus schließen lässt, dass Busch ein erklärter Antisemit war,
lässt sich aus dieser Geschichte nicht beweisen, denn Busch hat
ähnliche Karikaturengeschichten auch über andere Menschen und
Berufsgruppen verfasst. Aber diese Text- und Bildgeschichte entsprach
den antijüdischen stereotypen Vorstellungen der damaligen Zeit -
wirkte nach und vieles von solchen Karikaturen findet sich in den
antijüdischen Hetzblättern der Nazis.
So
informierte DIE ALLGEMEINE DEUTSCHE LEHRERZEITUNG 1891 in den kurzen
„Mitteilungen“ mit einem Textauszug aus den „Deutsch-sozialen
Blättern“: „Von grundsätzlicher Wichtigkeit ist ein jetzt bekannt
gewordener Erlass der preußischen Regierung zu Münster, wonach es
jüdischen Lehrern untersagt ist, den Unterricht im Deutschen und in der
Geschichte zu erteilen, da diese Disziplinen von jüdischen Lehrern
'nicht in der rechten Weise gelehrt werden könnten'.“

Die Erteilung des christlichen Religionsunterrichtes usw. war, wie die beiden Texte aus der Lehrerzeitung belegen,
für jüdische Lehrer bzw. Lehrerinnen (auch in anderen Staaten) nicht erlaubt.
Und
1898 schrieb die Lehrerzeitung: „Im Gemeindekollegium von Nürnberg
wurde ein Ministerial-Erlaß erwähnt, durch den die Stadt Nürnberg
veranlaßt werden soll, die beiden Lehrer jüdischer Religion von ihren
Simultanschulen zu entfernen und jüdische Lehrer nicht mehr
anzustellen.“
Es fehlte auch nicht an deutlicheren Stimmen in der Lehrerzeitung:
1891:
„Ein Erlass der Regierung in Kassel beklagt, dass einzelne Lehrer in
schwerer Versündigung gegen ihr Amt durch unziemende Redensarten
israelitische Schulkinder beleidigen oder dem Unfug christlicher
Schulkinder gegen ihre jüdischen Mitschüler Vorschub leisten.“ Im
gleichen Jahr berichtete die Lehrerzeitung von dem 2400 Mitglieder
zählenden „Hessischen Landeslehrerverein“, der Stellung genommen habe
gegen „das hässliche Treiben der Antisemiten“.
Die Auflistung
derartiger Vorfälle, die sich auch in vielen anderen Lebensbereichen
ähnlich abspielten, lässt sich fast beliebig erweitern.

Auszug aus der ALLGEMEINEN DEUTSCHEN LEHRERZEITUNG 1891: „Die 'Deutsch-sozialen Blätter' schreiben:
'Von grundsätzlicher Wichtigkeit ist ein jetzt bekannt gewordener Erlass der preußischen Regierung zu Münster, wonach es
jüdischen Lehrern untersagt ist, den Unterricht im Deutschen und in der Geschichte zu erteilen, da diese Disziplinen von
jüdischen Lehrern 'nicht in der rechten Weise gelehrt werden könnten'." Wiederholt finden sich in der Lehrerzeitung
Hinweise auf Unterrichtsverbote für Deutsch und Geschichte mit ähnlichen Begründungen.
Bleibt
zu erwähnen, dass der (beneidete) Erfolg unserer jüdischen Mitbürger in
Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur auch oder vor allem in ihrer
Bildungsbereitschaft begründet war. Bei einem Vergleich von
Schulstatistiken aus der Zeit um 1890 fällt auf, dass gerade im Bereich
der höheren Schulen jüdische Schüler, gemessen an ihrem
Bevölkerungsanteil, achtmal stärker vertreten waren als nichtjüdische
Schüler – so auch am Gymnasium in Lohr a.Main vor dem Ersten Weltkrieg.
Daraus folgerte Theodor Fritsch 1893 in seinem
„Antisemiten-Katechismus“: „Dieser Zustand muß natürlich die
verhängnißvollsten Folgen haben. Die Juden werden in immer stärkerem
Verhältniß in die gebildeten Klassen einrücken und die eigentliche
Bourgeoisie bilden, während die eingeborene deutsche Bevölkerung immer
mehr zum Helotenthum, zum Proletariat herabgedrückt wird. - Das ist
aber nicht der einzige Schaden! Auch die geistige Entartung und die
sittliche Verlodderung in unserem Volke muß rasch um sich greifen, wenn
unsere Jugend in solchem Maße dem schlechten Einflusse des Verkehrs mit
Juden preisgegeben ist.“

Preußischer Offiziersdegen, Schirmmütze und Schulterstücke für einen Leutnant, dazu ein Kurztext aus der
ALLGEMEINEN DEUTSCHEN LEHRERZEITUNG 1899, in dem es heißt: „Über den Militärdienst der jüdischen
Volksschullehrer hat der preußische Kultusminister auf eine Eingabe erwidert, daß es bei der bisherigen Einrichtung,
nach welcher ausschließlich die staatlichen Lehrerseminare berechtigt sind, ihren Zöglingen nach bestandener
Abgangsprüfung die wissenschaftliche Befähigung zur Berechtigung für den einjährig-freiwilligen Militärdienst zuzuerkennen,
sein Bewenden haben muß. - Jüdische Seminare, die vom Staat unterhalten werden, gibt es nicht, sondern sie sind sämtlich
private Anstalten.“ Die Verweigerung der Möglichkeit des einjährig-freiwilligen Militärdienstes hatte zur Folge, dass die
jüdischen Lehramtsbewerber auch in der Regel nicht Reserveoffiziere werden konnten. Damals genoss der
Reserveoffizier hohes gesellschaftliches Ansehen (siehe „Hauptmann von Köpenick“).
Zu
einem ganz anderen Schluss kam ein interessanter Beitrag zum
unterschiedlichen Bildungsanspruch zwischen Deutschen und Juden und den
sich daraus ergebenden Folgen, abgedruckt in der Bayerischen
Lehrerzeitung 1880, Nummer 41, S. 487:
„Der Bildungsverein,
Zentralblatt für das freie Fortbildungswesen in Deutschland, sagt in
Nr. 38 unter der Aufschrift 'Die Judenhetze': Es wurde in einer
Petition von orthodoxer Seite gegen die Juden an den Reichskanzler als
ein besonderer Grund, weshalb man mit den beliebten Ausnahmegesetzen
gegen das Judentum vorgehen müsse, hervorgehoben, daß sie daran seien,
die ganze Masse des christlich-germanischen Volkes in Deutschland mit
ihrem, allen Idealen abgewendeten, lediglich auf raschen und reichen
Erwerb gerichteten Wesen anzusäuern. - Daß sich die Menschen heute, da
sich seit zwei Menschenaltern ihre Zahl in Deutschland verdoppelt hat,
mit mehr Hast des Erwerbes befleißen, das kann kein Pastor wenden, und
der Jude ist unschuldig daran; aber die negative Seite, daß sie sich
dabei, selbst wohlhabender geworden, als sie waren, so ganz von allen
Idealen abwenden (das ist nicht einmal zuzugeben angesichts der
Aufsuchung höherer Bildung! D. R.), so gar keinen Sinn mehr für ideale
Bestrebungen neben den realistischen des Erwerbes haben – das ist das
Zeugnis einer alten Schuld. Aber wer trägt die Schuld? Derjenige,
welcher nicht müde wird, dem Volke die bequeme Lehre zu predigen:
Bleibe bei Deinem Broterwerbe stehen! Da bist Du hingestellt, das ist
göttliche Ordnung – um andere Dinge sorgen Andere! Befasse Dich nicht,
auch in Mußestunden, mit den Fortschritten der Menschheit, mit
sogenannter Geistesbildung – es ist alles giftig! Volksbildung ist
Schwindel! Auch nicht naschen darfst Du daran – es ist Teufelswerk, und
der Herr wird es ohnedem zur Umkehr zwingen – Du hast dann nichts
versäumt daran. Du bist einmal für Deine Hobelbank geschaffen und der
Leimtiegel ist mit Dir geboren – zerstöre nicht durch fremde Gedanken
Dein Unterthanenglück! Und will auch Dein Geist nicht ganz wie Leim
gerinnen – das Beste wäre es wohl – hast Du dennoch ein geistiges
Bedürfniß, so gehe zu niemand wie zu mir. Siehe ich habe vor x Jahren –
4 Jahre hat es gedauert – das Notwendichste von allen Wissenschaften
gesammelt, das biete ich Dir. Was mittlerweilen die Welt ersonnen, ist
der Rede nicht wert; wäre es etwas, so hätte ich es auch damals schon
im Kolleg gelernt! - Diejenigen, welche mit solchen falschen Lehren das
Volk zu geistiger Stumpfheit erzogen haben, ohne es von der
Notwendigkeit hastigeren Erwerbs entbinden zu können, - die haben im
germanischen Volke die Disposition für die 'Verjüdelung' geschaffen!“

Polizeisäbel um 1890 und Auszug aus der ALLGEMEINEN DEUTSCHEN LEHRERZEITUNG 1896, in dem es heißt:
„Kürzlich fand in Bockenheim im 'Rheingauer Hof' die 28. Jahresversammlung der israelitischen Lehrer Kurhessens statt.
Staatsgefährliche Dinge standen dabei wahrhaftig nicht zur Verhandlung. Um so mehr war eine grosse Anzahl der
Konferenzbesucher erstaunt, dass die Versammlung von Anfang bis zu Ende von zwei Schutzleuten polizeilich überwacht wurde.“
Neben dem offiziellen Misstrauen gegenüber den jüdischen Lehrern machte sich ein wachsender allgemeiner Antisemitismus
im gesamten Schulwesen, auch in anderen europäischen Staaten, bemerkbar.
Mit
sechs Themenkreisen ermöglicht die Ausstellung im Eingangsbereich des
Museums informative Einblicke in die antisemitischen Verhaltensweisen
in der Kaiserzeit. Weitere Aussagen zu diesem Thema finden sich in der
ständigen Ausstellung des Schulmuseums mit den Schwerpunkten Kaiserzeit
und Drittes Reich.

Bierkrugdeckel aus der Zeit um 1880 mit dem eingravierten Namen „Brühschwein“
des (vermutlichen) jüdischen Besitzers und drüber der Davidstern, das Symbol
des Judentums. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mussten die jüdischen
Familien deutsche oder eingedeutschte erbliche Familiennamen annehmen.
In manchen Amtsstuben machte man sich einen Spaß daraus, Juden
diskriminierende Namen (wie auf dem Krugdeckel) aufzudrängen – ein Beispiel
für die zahllosen Beleidigungen und Erniedrigungen jüdischer Familien und Bürger.
Allgemeines
zum Thema "Antisemitismus": Aus der Sicht eines jüdischen
Schriftstellers schrieb Theodor Herzl 1896 in seinem Buch „Der
Judenstaat“:
„Wir haben überall ehrlich versucht, in der uns
umgebenden Volksgemeinschaft unterzu-gehen und nur den Glauben unserer
Väter zu bewahren. Man läßt es nicht zu. Vergebens sind wir treue und
an manchen Orten sogar überschwengliche Patrioten, vergebens bringen
wir dieselben Opfer an Gut und Blut wie unsere Mitbürger, vergebens
bemühen wir uns, den Ruhm unserer Vaterländer in Künsten und
Wissenschaften, ihren Reichtum durch Handel und Verkehr zu erhöhen.
In
unseren Vaterländern, in denen wir auch schon seit Jahrhunderten
wohnen, werden wir als Fremdlinge ausgeschrien; oft von solchen, deren
Geschlechter noch nicht im Lande waren, als unsere Väter schon da
seufzten.“
Er konnte nicht ahnen, dass das entsetzliche Finale noch
bevorstand, denn zum offenen staatlich gelenkten und organisierten
Ausbruch kamen diese antisemitischen Strömungen erst im Dritten Reich.
Das Lohrer Schulmuseum im Ortsteil Lohr-Sendelbach ist von
Mittwoch bis Sonntag und an allen gesetzlichen Feiertagen jeweils von
14 bis 16 Uhr geöffnet. Gruppen können auch nach vorheriger Absprache
außerhalb der regulären Öffnungszeiten das Museum besuchen. (Kontakt:
Eduard Stenger, Zum Sommerhof 20, 97816 Lohr a.Main; Tel. 09352/4960
oder 09359/317, e-Mail: eduard.stenger@gmx.net )